Verlagsgruppe Oetinger

Interview

Michael Kleeberg


Mit welcher Ihrer Figuren haben Sie am meisten gemeinsam?
Da ich sie ja alle erfunden habe, mit allen ein bißchen: Nur Luca ist mehr nach meiner Tochter gezeichnet, für die das Buch ja auch geschrieben wurde. Ihr Vater ist wie ich Schriftsteller, aber ich hatte als Kind auch viel von Aristid und war manchmal ein rechter Eigenbrötler. Meine Feinde würden auch sagen, daß ich Eigenschaften des Präfekten oder von Monsieur Sanginjoll besitze. Aber das stimmt nicht, finde ich! Am meisten identifiziere ich mich mit Scottie, dem Kater. So klug und so mutig wie er wäre ich auch gerne.

Wie gut kennen Sie Ihre Figuren? Wissen Sie zum Beispiel, wann sie Geburtstag haben oder was sie am liebsten essen? 
Das Gute ist, daß man die Figuren ja fragen kann, wenn man bestimmte Dinge nicht weiß. Ich wußte zum Beispiel, daß Luca am 8. Februar Geburtstag hat und Madame Pupinell am 12. August. Aber schon bei der Lieblingskleidung mußte ich nachfragen. Luca, die ja mittlerweile ein Jahr älter geworden ist, hat mir gesagt, daß sie am liebsten zwei T-Shirts übereinander trägt, dazu ein Halstuch und Jeans. Und drei Armbänder. Und an den Füßen Chucks oder im Sommer gar nichts.

Würden Sie gerne einen Tag mit Luca, der Protagonistin Ihres neuen Romans "Luca Puck und der Herr der Ratten", verbringen? Was würden Sie zusammen unternehmen? 
Ich würde gerne auf Aristids (hoffentlich mittlerweile repariertem) Dreirad einen Ausflug mit den beiden unternehmen. Quer durch die große Stadt Paris, an den Müllbergen vorbei bis ins Blechviertel und dort im Kinderland mit Bruno und Lisa Kaffee trinken und Pflaumenkuchen essen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben?

Der eigentliche Geschichtenerzähler in unserer Familie ist mein Vater, der tausende Geschichten aus dem Ärmel schütteln kann. Schon als ich klein war, sind wir spazieren gegangen und er hat einfach angefangen zu erzählen und als wir wieder zu Hause ankamen, war die Geschichte zuende. Heute macht er das wieder für seine Enkeltochter. Er hätte bestimmt ein reicher Mann werden können, wenn er irgendwo auf einem großen Platz im Morgenland Märchenerzähler geworden wäre. So gut mündlich erzählen wie er kann ich nicht, aber ich wollte eben auch mal eine Geschichte für Kinder erfinden, statt immer nur andere Geschichten vorzulesen. Und da ich Schriftsteller bin, habe ich sie dann eben geschrieben. Meine Tochter wollte eine Heldin namens Luca, und alles andere ergab sich daraus: In Paris habe ich lange gewohnt, und der sprechende Kater Scottie war mein Kater, der selbstverständlich auch sprechen konnte. Also so sehr viel mußte ich gar nicht erfinden.

Welches Buch haben Sie als Kind gern gelesen?
Meine Lieblingsgeschichten waren zum einen die griechischen und deutschen Götter- und Heldensagen, also der Kampf um Troja und Odysseus, die Geschichte von Siegfried dem Drachentöter und dem Nibelungenschatz. Zum anderen war mein vielleicht stärkstes Leseerlebnis das Dschungelbuch von Kipling mit all den unvergeßlichen Tieren. Und dann habe ich viele der klassischen Kinderbücher sehr geliebt: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Der Kater Mikesch, Peter Pan, Doktor Doolittle, Der geheime Garten und „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner.

Eigentlich schreiben Sie Bücher für Erwachsene. "Luca Puck und der Herr der Ratten" ist ihr erstes Kinderbuch. Ist es schwieriger ein Kinder- oder ein Erwachsenenbuch zu schreiben und was macht mehr Spaß?
Spaß macht beides, sonst würde ich es ja nicht tun. Aber eben auf ganz unterschiedliche Weise. Bei „Luca Puck“ hat es mir riesigen Spaß gemacht, eine Geschichte mit richtig guten und richtig bösen Gestalten zu erfinden und auch die Spannung immer wieder zu steigern. Das Schöne beim Schreiben so einer Geschichte ist es, daß man sich dabei viele Wünsche erfüllen kann – viel mehr als im richtigen Leben.

Kinder – das weiß ich noch von mir selbst – sind sehr genaue und sehr ernste Leser. Und deshalb muß man sie auch sehr ernst nehmen. Und man muß sie vor allem achten und ihnen viel zutrauen. Jeder junge Mensch, der liest, träumt davon, Dinge vom Leben zu erfahren, die er noch nicht kennt. Das können auch schlimme oder traurige Dinge sein. Und er spürt genau, ob der Autor diese Dinge ebenso ernst nimmt wie er. Das ist eine große Verantwortung für den Schriftsteller, und das macht das Schreiben für junge Menschen fast noch schwerer als das für Erwachsene.

"Luca Puck" spielt in Paris, wo Sie selbst 12 Jahre gewohnt haben. Was vermissen Sie am meisten an Paris und träumen Sie manchmal noch auf französisch?
Ja, manchmal träume ich durchaus noch auf Französisch und von Paris, das eine rechte Zauberstadt ist, wo hinter jeder Straßenecke ein neues Theaterstück aufgeführt wird, bei dem man mit ein wenig Mut einfach mitspielen kann, woraus dann leicht ein Abenteuer wird. In der Straße wo Luca wohnt, bin ich oft spazierengegangen und hätte auch gern selbst dort gelebt, weil es ein ganz ruhiges, verstecktes Sträßchen mitten im Trubel der großen Stadt ist, wo kaum jemand einmal hinfindet. Das Schönste am Schreiben ist, daß man sich solche Wünsche alle in einem Buch erfüllen kann.

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