Verlagsgruppe Oetinger

Interview
Ausgefragt: Nicola Yoon

Nicola Yoon

»Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt« ist Ihr erster Roman. Wie kam es dazu, dass Sie zu schreiben begonnen haben, und was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?
Ich wollte Schriftstellerin werden, seit ich ein kleines Mädchen war. Als ich jünger war, habe ich sehr viel geschrieben, aber als ich in die Highschool kam und später ans College ging, habe ich auch meine Leidenschaft für Mathematik entdeckt. Daher habe ich das Schreiben erst einmal bleiben gelassen und habe Elektrotechnik studiert. In meinem letzten Jahr auf dem College habe ich durch einen Kurs für kreatives Schreiben schließlich meine Liebe zum Schreiben wiederentdeckt. Auch wenn ich zunächst wirklich sehr, sehr schlechte Gedichte geschrieben habe!

Mein erster Roman »Du neben mir…« wurde schließlich durch meine Tochter inspiriert. Ich begann daran zu arbeiten, als sie wenige Monate alt war. Als Mutter habe ich mir ständig Sorgen um sie gemacht. Ich machte mir Sorgen, dass sie krank sein, herunterfallen oder Dreck essen könnte. Der
Instinkt, sie beschützen zu wollen und immer in Sicherheit zu wissen war oft überwältigend. Dieser Beschützerinstinkt einer Mutter hat mich auf den Gedanken gebracht, was wäre, wenn ein Kind wirklich dauerhaften Schutz und Aufsicht bräuchte – nicht nur als Baby, sondern sein ganzes Leben lang. Was würde das mit einer Beziehung zwischen Mutter und Kind machen? Was würde passieren, wenn das Kind aus dieser Beziehung ausbrechen und die Welt entdecken wollte?

Sie haben gemeinsam mit Ihrem Ehemann David an dem Buch gearbeitet, der das besondere Art-work gemacht hat. Wie war diese Zusammenarbeit? Gab es einen gemeinsamen Arbeitsprozess, oder hat er erst begonnen daran zu arbeiten, als Sie die Geschichte fertig geschrieben hatten?

Die Zusammenarbeit mit meinem Ehemann war wirklich großartig! Er ist sehr talentiert, und es war ganz leicht, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Idee, Illustrationen mit einzubinden hatte ich, als ich irgendwann um vier Uhr morgens am Schreibtisch saß. Ich hatte plötzlich den Einfall, dass Maddy eine Zeichnung der Welt und ihren Platz darin anfertigt, um sie besser zu verstehen. Einer ihrer größten Träume ist es, nach Hawaii zu gehen und dort den Wappenfisch der Insel(kette) zu sehen. Ich habe versucht, diesen Fisch in meinem Notizbuch zu zeichnen, aber ich bin wirklich eine miserable Malerin. Also bin ich ins Schlafzimmer gegangen, habe meinen Mann geweckt und ihn gebeten, den Fisch für mich zu zeichnen.

Ohne eine Frage zu stellen, hat er sich einen Kaffee gemacht und den Fisch gezeichnet, wie er jetzt im Buch zu sehen ist. Danach hat der Arbeitsprozess wie folgt stattgefunden: Ich habe geschrieben, und immer wenn ich dachte, an dieser Stelle würde Madeleine etwas zeichnen, habe ich zunächst meine eigene, ziemlich stümperhafte Version gezeichnet. Danach haben wir darüber gesprochen, was ich versucht habe zu zeigen, und er hat dann diese wundervollen Bilder gezeichnet.

Madeleine hat ihr Haus seit 17 Jahren nicht verlassen – eine Tatsache, die kaum vorstellbar ist. Trotz alledem ist sie voller Hoffnungen, Träume und Lust aufs Leben. Wie haben Sie sich Madelines Innenleben in dieser sehr extremen Situation vorgestellt?
Madeleine hatte ihr ganzes Leben lang Zeit, sich mit ihrer Situation abzufinden und zu arrangieren. Ihre Wahl ist es, entweder verbittert zu werden oder das Beste aus ihrem Leben zu machen. Würde sie verbittert, wäre sie ihr ganzes Leben lang extrem unglücklich. Stattdessen entscheidet sie sich dafür, ihr Leben innerhalb dieser Grenzen bestmöglich zu leben.

Wie haben Sie Ihre Recherchen zu Madeleines Immunerkrankung SCID betrieben? Haben Sie mit Menschen Kontakt aufgenommen, die daran leiden?
Ich habe sehr viel über SCID gelesen und über Menschen, die an schweren Allergien leiden. Es sollte jedoch klar sein, dass »Du neben mir…« kein medizinisches Buch ist. Es handelt von Risiken und was wir bereit sind, für die Liebe aufs Spiel zu setzen.

Als Madeline beginnt, mit Olly Kontakt aufzunehmen, ist sie sofort von ihm fasziniert (ebenso wie der Leser!), und sie spürt das Verlangen, für ihn alles zu riskieren – sogar ihr eigenes Leben. Denken Sie, dass Liebe tatsächlich eine so große Macht haben kann?
Absolut! Ich glaube an die Liebe als eine Kraft, die Vieles verändern kann. Ich glaube daran, dass sie die stärkste Kraft überhaupt ist.

Die Beziehung zwischen Madeline und ihrer Mutter war stets sehr eng, aber nach einem heftigen Einschnitt ändert sich alles. Am Ende bleibt offen, wie sich das Verhältnis zwischen den beiden entwickeln wird. War es eine schwierige Entscheidung, diesen Konflikt nicht zu lösen? Oder denken Sie möglicherweise über eine Fortsetzung nach?
Ich habe keinerlei Pläne für eine Fortsetzung! Maddys Beziehung zu ihrer Mutter ist am Ende des Buches in einer sehr schwierigen und komplizierten Phase. Es wird lange Zeit dauern, bis die beiden sich miteinander arrangieren werden – aber ich denke, sie sind auf einem guten Weg.

Können Sie uns etwas über Ihren Schreibprozess erzählen? Haben Sie z.B. feste „Schreibzeiten“? Und schreiben Sie am Computer oder mit der Hand?
Ich schreibe jeden Morgen von 4-6 Uhr. Zunächst einmal schreibe ich von Hand in mein Notizbuch. Alle paar Tage tippe ich das Geschriebene dann in meinen Computer. Um eine schnellere Schreiberin zu werden, habe ich auch versucht, diesen Prozess zu ändern – aber es ist mir nicht gelungen. Es hat sich gezeigt, dass meine Ideen zuerst von Hand aufgeschrieben werden wollen.

Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt

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