Verlagsgruppe Oetinger

Leseprobe zu:

Ein Hühnerschatz für die Wilden Küken

»Sollen wir das wirklich tun?«, fragte Bob leise, als sie auf der Nepomukbrücke standen.
»Wir haben immer noch die Hühner«, murmelte Very. »Zumindest noch drei Wochen.« Und so leise, dass man es kaum hörte, fügte sie hinzu: »Vielleicht sollten wir so lange warten, vielleicht werden wir ja noch eine richtige Bande.«
Aber als Lilli ihr Lederband mit der Hühnerfeder vom Hals nahm, machten es ihr Bob und Very nach.
Der Fluss wälzte sich unter der Brücke hindurch. Ein sich langsam drehendes Stück Styropor trieb vorbei.
Sie streckten die Arme aus. Die Bandenhalsketten baumelten über dem Abgrund. Ein Windstoß bewegte die Federn. Da klingelte es in Lillis Hosentasche. Die Feder noch immer über die Brüstung haltend, fischte Lilli das Handy raus. Eine neue Nachricht, verkündete das Display.
»Von Sprotte«, sagte Lilli und öffnete die SMS.
Drei Köpfe beugten sich über das Handy und lasen gleichzeitig ein Wort: KÜKENALARM.
Lilli trat in die Pedale. Vor ihren Augen baumelte die Hühnerfeder, die sie um den Hals trug. Lilli musste etwas blinzeln, weil die Sonne blendete. Dafür hatten sie Rückenwind. Hinter sich hörte Lilli Bob schnaufen und hinter Bob die Gangschaltung von Verys Superrad klackern. Jetzt ging es zum Glück bergab. Die drei Wilden Küken zogen ihre seltsam lang gezogenen Schatten hinter sich her, ihre Federn flatterten an ihren Lederbändern. Der Fahrtwind pfiff durch Lillis Locken und ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Über Kükenalarm stand nichts im Bandenbuch. Was hatte das zu bedeuten? Brauchten die Wilden Hühner etwa die Hilfe der Küken?
Fast hätte Lilli die Abzweigung verpasst. Zum Glück klingelte Bob hinter ihr wie wild. Dann ging es den Feldweg lang, das letzte Stück mussten sie schieben und dann waren sie an der Wiese. Sie konnten den Wohnwagen schon sehen, das legendäre Bandenquartier der Wilden Hühner. Vor dem Wohnwagen war ein Sonnenschirm aufgestellt, in dessen Schatten saßen Sprotte, Frieda, Trude, Melanie und Wilma und tranken Tee.
Lilli, Bob und Very warfen ihre Räder ins Gras, rannten los und stolperten. Ein ganzer Turm aus leeren Blechdosen stürzte scheppernd um.
»Wir sind so schnell gekommen wie möglich«, keuchte Lilli außer Atem. Hinter ihr rappelten sich Bob und Very auf.
»Coole Stolperfalle.« Very zeigte anerkennend auf den Haufen Blechdosen.
»Kleiner Rückfall in alte Zeiten.« Sprotte stellte schmunzelnd ihre Teetasse beiseite.
Bob sog den Duft des Tees ein und murmelte: »Dschungelfeuer.«
»Was bedeutet denn Kükenalarm?«, fragte Lilli kleinlaut.
Aber fast gleichzeitig rief Frieda: »Rattenalarm – die Jungs kommen!«
Und tatsächlich kamen Willi und Steve auf einem Moped angetuckert. Kaum hatten sie die Helme abgenommen, da fiel Frieda Willi um den Hals und Trude Steve.
Lilli schaute zu Sprotte. »Kommt Fred auch?«
Sprotte schüttelte den Kopf.
»Jetzt lasst es mal gut sein mit der Knutscherei«, sagte Melanie.
»Beeilung«, drängte Wilma. »Ich muss in einer Stunde bei der Theaterprobe sein.«
Und eine Minute später setzte sich eine merkwürdige Karawane in Bewegung. Vorneweg gingen Sprotte, Melanie und Wilma. Dann folgten die Wilden Küken und zum Schluss kamen Trude und Steve, gefolgt von Frieda und Willi, der einen Klappspaten dabei hatte. Willi und Steve waren früher einmal, genau wie Fred und Torte, Mitglieder der Pygmäen gewesen. Die Pygmäen, so nannte sich eine Bande von Jungs, die gemeinsam mit den Wilden Hühnern schon jede Menge Abenteuer erlebt hatten. Abenteuer, von denen Lilli nur träumen konnte.
Es war ein weiter Fußmarsch, bis Sprotte endlich stehen blieb.
Willi zeigte auf einen knorrigen Baum. »Hier hatten wir Pygmäen mal unser Baumhaus.« Er trat näher an das Ufer eines Tümpels, leckte den Finger ab, prüfte den Wind, schaute nach dem Stand der Sonne, machte fünf weit ausholende Schritte und stieß dann den Spaten in den Boden.
Willi verschränkte die Arme und schaute Lilli abwartend an.
»Hier müsst ihr graben«, erklärte Steve.
Lilli schaute zu Sprotte.
Die zuckte mit den Schultern. »Deshalb haben wir euch gerufen.«
Lilli ergriff den Spaten und grub. Schon nach wenigen Spatenstichen traf sie auf etwas Hartes. Es klang hohl.
Jetzt knieten die Wilden Küken zu dritt am Boden und gruben mit den Händen weiter. Lilli klopfte hektisch mit den Fingerknöcheln auf einen Holzdeckel, aber der Rhythmus ihres Herzens war noch schneller.
»Igitt, ein Sarg!«, kreischte Very.
»Eine Schatztruhe!« Bob buddelte Erde beiseite.
Lilli bekam die Bodenkante zu fassen und zog die Kiste hoch.
Atemlos standen die Wilden Küken um die schmutzige schuhschachtelgroße Holztruhe. Der Deckel war fest mit dem Unterteil verschraubt.
»Wir brauchen einen Schraubenzieher.« Lilli war schon wieder ganz heiß unter ihren dicken Locken.
»Nein, lies doch!« Very rubbelte mit ihrem Taschentuch den Truhendeckel sauber.
»Das ist eingebrannt«, murmelte Bob.
»Mit einer Lupe«, sagte Steve.
Lilli fuhr mit dem Finger die Buchstaben nach, die sich wie schwarze Würmer auf dem Holzdeckel ringelten. Nur um Mitternacht öffnen!
Bobs Mund klappte tonlos auf und zu. Very hielt ihr dreckiges Taschentuch in den Händen und Lilli hatte Erde in den Haaren. Vielleicht lachte Sprotte deshalb so seltsam.
»Was ist das für eine Truhe?«, fragte Lilli. Ihr Herz hüpfte vor Freude über das Abenteuer.
»Diese Truhe …«, fing Sprotte geheimnisvoll an.
»… haben die Pygmäen und die Wilden Hühner …«, fuhr Frieda fort, und Trude vollendete den Satz: »… vor vielen Jahren hier vergraben.«
Melanie blickte sich um, als wollte sie sich vergewissern, dass auch wirklich niemand durchs Gebüsch schlich und sie belauschte. »Das war noch bevor wir an der Nordsee den Geist von Jap Lornsen gejagt haben.«
»Also noch vor meiner Zeit als Wildes Huhn«, flüsterte Wilma.
»Und jetzt gehört sie euch«, sagte Willi und lächelte.
»Pscht!« Steve hob, in den Wald lauschend, die Hand.
Alle hielten den Atem an und niemand wagte, sich zu bewegen, bis Steve den Kopf schüttelte. »Ich dachte, ich hätte was gehört.« Er zeigte auf die Truhe. »Ist irgendwie magisch, das Ding.«
Lilli blickte zwischen der Holztruhe und Sprotte hin und her.
»Diese Truhe«, wiederholte Sprotte und legte die Hand auf den Deckel mit der eingebrannten Inschrift, »haben wir hier vergraben für den Fall …« Sie machte eine Pause und kurz hörte man nur noch die Geräusche des Waldes und ein leises Glucksen im Tümpel.
»Für welchen Fall?«, hauchte Lilli.
Lilli war sich nicht sicher, ob Sprotte ihr wirklich zuzwinkerte, oder ob der Eindruck nur durch einen Sonnenreflex in Sprottes blaugrau glitzernden Augen entstanden war. »Für den Fall, dass uns die Abenteuer ausgehen.«

Fast hätten Lilly, Bob und Very ihre geliebte Bande, die „Wilden Küken“, aufgelöst. Denn was ist eine Bande ohne Abenteuer? Ole, Little und Mitch haben sich schon über sie lustig gemacht! Doch nachdem sie von den Sprotte und ihren „Wilde Hühner“-Freundinnen die vergrabene Schatzkiste erhalten haben, ändert sich das schlagartig. Denn jetzt jagt ein Abenteuer das nächste!



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