Verlagsgruppe Oetinger

Fortsetzung Leseprobe "Der Torwächter"

Ira stutzte erstaunt und nickte.
»Komm.« Diesmal gab Simon den Ton an, und Ira folgte ihm. Sie durchquerten die Menge und näherten sich der freien Fläche vor dem Tower. An ihrem Rand blieben sie stehen. Keiner der vorbeihastenden Männer und Frauen beachtete sie, so wie auch niemand die kreisrunde freie Fläche rund um das Hochhaus zu bemerken schien. Auch Ira war sie nicht aufgefallen, bis Simon sie darauf hingewiesen hatte.

Ira sah auf. »Was passiert, wenn wir weitergehen?«
»Nichts.«
»Sicher?«
Simon schüttelte den Kopf.
Ira tastete nach seiner Hand, dann schob sie vorsichtig einen Fuß auf die freie Fläche. Nichts geschah. Auch Simon überschritt die unsichtbare Linie, ohne dass etwas passierte.
Gemeinsam, Hand in Hand, gingen sie weiter, bis sie dicht vor dem Gebäude standen. Niemand beachtete sie, es war, als gäbe es sie gar nicht.
»Und jetzt?«
Wortlos hob Simon seine Hand und berührte mit den Fingerspitzen die Fassade. Sie war kalt, so wie am Vortag. Ein Schauer durchlief ihn. Dann legte er die gesamte Handfläche auf die Wand, einen kurzen Augenblick nur, bevor er seine Hand wieder zurückzog.
Gespannt warteten sie, was geschah.

Wie aus dem Nichts perlten plötzlich kleine Tröpfchen aus der Fassade, glitzernde Kügelchen, die größer wurden und weiterwuchsen, bis eine Hand aus Eiskristallen auf der glatten Fläche enstanden war.
Ira warf Simon einen erstaunten Blick zu. Vorsichtig berührte sie mit ihrem Zeigefinger die Eishand. »Die ist ja kalt!« Sie war verblüfft. »Wie hast du das gemacht?«
»Keine Ahnung. Es passiert einfach.«
Nun legte auch Ira für einen Moment ihre Hand auf die Fassade, direkt neben die glitzernden Eiskristalle. Ihr Handabdruck blieb auf der glatten Fläche zurück wie ein Fingerabdruck auf einem Spiegel.
Gespannt starrten sie auf die Stelle.
Nichts geschah.

Die Eishand schmolz derweil, das Wasser tropfte zu Boden und verdampfte in der Wärme.
»Jetzt versteh ich gar nichts mehr.« Ira war ratlos.
Obwohl er ebenso ratlos war, musste Simon grinsen. »Hast du denn vorher irgendwas verstanden?«
Ira lachte. Dann verstummte sie und warf ihm einen scheuen Blick zu. Irgendwie war das alles unheimlich.
Simon hob seine Hand, um sie noch einmal auf die Fassade zu legen.
»Was passiert eigentlich«, fragte Ira unvermittelt, »wenn du mit beiden Händen die Wand berührst?« Ihre Stimme klang nachdenklich.
Simon stutzte. Dann verstand er, woran sie dachte: an den Moment, als er sie mit beiden Händen angefasst hatte. Er hatte gefühlt, was sie gefühlt hatte.
Aber das war ein Haus, kein Mensch.

Dann erinnerte sich Simon daran, was geschehen war, als er das Bild der verlassenen Stadt in seinen Händen gehalten hatte.
Langsam hob er die Arme und legte beide Handflächen auf die Fassade.
Er fühlte nichts.
Enttäuscht zog er seine Hände zurück.
Plötzlich, als wäre im Inneren des Gebäudes etwas erwacht, hörten sie ein Dröhnen, und die Fassade begann zu vibrieren.
Im gleichen Moment glitt die glänzende Haut des Gebäudes vor ihnen zur Seite.

Simon war erschrocken zurückgewichen, und auch Ira starrte überrascht auf das, was geschehen war: Die Fassade des goldenen Hochhauses hatte sich vor ihnen geteilt, in der eben noch spiegelglatten Fläche war ein weit geöffnetes Tor zu sehen, groß genug, dass ein Lastwagen hätte hindurchfahren können.
Vorsichtig gingen sie durch den Eingang. Sie fanden sich in einer riesigen Halle wieder, die mehrere Stockwerke hoch war und fast die gesamte Breite des Gebäudes einnahm. Die Halle war leer bis auf einen Tresen in der Mitte, hinter dem ein uniformierter Mann saß. Die Front des Tresens leuchtete, genau wie der Boden davor, er sah aus wie die Landebahn eines Flughafens bei Nacht. Die restliche Halle lag im Dunkeln, bis auf die Wand im Rücken des Mannes. Dort hingen mehr als zwanzig leuchtende Uhren, die langsam ihre Farbe wechselten. Unter jeder Uhr sah Simon eine geschlossene Aufzugtür. Lichter blinkten auf den Anzeigetafeln zwischen den Türen.

Der Wachmann war aufgestanden, er starrte zu ihnen herüber und wirkte genauso überrascht wie Simon und Ira. »Wie habt ihr das gemacht?«, fragte er, während er um den Tresen herumging und auf sie zu kam.
Simon beobachtete den näher kommenden Mann genau. Dann erkannte er ihn: Es war der gleiche Wachmann, der ihn am Tag zuvor weggeschickt hatte. Kurz überlegte er, ob es vielleicht besser war, wegzurennen. Doch der Wachmann schien nicht ärgerlich zu sein, nur vollkommen verblüfft. Offenbar geschah es nicht oft, dass sich die Wand vor ihm öffnete.
Er wiederholte seine Frage. »Wie habt ihr das hingekriegt, dass sich das Tor öffnet?«
Simon zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich habe nur meine Hände auf die Fassade gelegt.«
»Unglaublich.« Der Wachmann betrachtete Simon wie ein seltenes Tier. »Und was wollt ihr hier?«
»Was ist das für ein Gebäude? Können wir uns mal umschauen?«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Besser, ihr verschwindet. Bevor ihr noch Ärger bekommt.«

Ira zupfte an Simons Ärmel. »Komm, lass uns abhauen.« Sie sah ängstlich aus.
Im gleichen Augenblick summte das Funkgerät des Wachmannes, es ragte aus der Brusttasche seiner Uniform heraus. Simon war es vorher nicht aufgefallen. Der Wachmann holte es hervor und hielt es sich an sein Ohr. »Ja?«
Eine leise Stimme war zu hören, Simon konnte nicht verstehen, was sie sagte.
»Es sind zwei Jugendliche, ein Junge und ein Mädchen«, antwortete der Wachmann. »Der Junge sagt, er hat das Tor geöffnet.«
Die Stimme aus dem Funkgerät zischelte, während der Wachmann zuhörte. Sein Gesicht verzog sich überrascht. »Aber …« Er verstummte und horchte wieder, warf Simon einen erstaunten Blick zu. Schließlich nickte er. »Ja, ich habe verstanden.« Und er steckte das Funkgerät zurück in seine Tasche.
Simon musterte ihn misstrauisch. Ihm gefiel der Gesichtsausdruck gar nicht, mit dem der Wachmann ihn ansah.

»Ihr könnt euch gerne umsehen und euch alles anschauen.« Der Wachmann trat einen Schritt zur Seite und wies einladend in die Halle. Seine Stimme klang freundlich. Doch etwas in seinem Blick ließ Simon zögern. Und dann sah er es: Unmerklich schüttelte der Wachmann den Kopf, und sein Mund formte drei lautlose Worte, Simon musste sie von den Lippen ablesen. »Haut ab! Schnell!«
Er stutzte. Hatte er richtig gelesen?
Der Wachmann wiederholte seine freundliche Einladung, aber sein Blick blieb angespannt.

Simon tastete nach Iras Hand. Langsam wichen sie zurück.
Im gleichen Moment wechselten die Uhren an der Wand ihre Farbe, sie wurden rot, so wie auch die Lichter im Boden rot aufglühten. Die Aufzugtüren öffneten sich, Männer stürzten heraus, es waren Soldaten in silbergrauen Kampfanzügen, sie trugen Helme mit verspiegelten Visieren. Auch in den Seitenwänden der Halle hatten sich Türen geöffnet, von dort kamen ebenfalls Soldaten auf sie zugerannt.

Ira reagierte als Erste, sie drehte sich um und rannte los. Simon folgte ihr. Er stolperte, spürte eine Hand, Ira half ihm hoch. Gemeinsam hasteten sie durch das Tor aus der Halle hinaus, um den Soldaten zu entkommen. Aber die uniformierten Männer waren überall. Sie kamen aus Türen, die sich im Turm geöffnet hatten, und verteilten sich auf der freien Fläche vor dem Gebäude, um ihnen den Fluchtweg abzuschneiden. Panisch sah Simon sich um. Es gab keine Möglichkeit, zu entkommen, die Soldaten hatten sie eingekreist. Schnell kamen die Männer näher.

»Hilfe!« Simon schrie in seiner Verzweiflung. »Hilfe!« Auch Ira schrie. Irgendjemand musste sie doch bemerken, irgendwer musste doch sehen, was hier geschah. Doch die Menschen auf dem Platz beachteten sie nicht. Es war, als würde das, was gerade passierte, keinen interessieren.
»Es tut mir leid.« Der Wachmann war ihnen nachgekommen, er sah Simon und Ira mitleidig an. Dann legte er sich auf den Boden, schloss die Augen und bedeckte schützend seinen Kopf mit den Armen.

Simon starrte ihn entsetzt an. Noch einmal schrie er um Hilfe, vergeblich, niemand hörte ihn. Er spürte Iras Hand, sie klammerte sich an die seine. Die Soldaten kamen immer näher. Simon spürte eine eisige Kälte, sie kam von allen Seiten auf sie zu, eine Welle, die heranrollte und über ihnen zusammenschlug. Nur noch wenige Schritte, und die Soldaten würden bei ihnen sein.

Plötzlich huschte etwas quer über den Platz, wie ein heller Blitz, Simon konnte nicht erkennen, was es war, so schnell bewegte es sich. Dann geschah etwas Unglaubliches: Die Soldaten blieben stehen. Nicht, weil sie stehen bleiben wollten. Sie stoppten mitten in der Bewegung, im Laufen, im Sprung, als hätte die Kälte, die sie mit sich brachten, sie eingefroren. Direkt vor Simon hing ein breitschultriger Soldat in der Luft, er hatte die Hände ausgestreckt, um Simon zu packen und zu Boden zu werfen. Jetzt war er ohne Regung, so wie alles um Simon herum. Seine silberne Uniform blinkte matt im Licht der Sonne.

Simon richtete sich auf. Verblüfft sah er sich um. Nichts und niemand bewegte sich. Nicht nur die Soldaten, auch Ira neben ihm stand wie versteinert. Ihr Gesicht war verzerrt, ihr Mund zu einem stummen Schrei geöffnet. Auch auf dem Platz zwischen den Hochhäusern war alles wie eingefroren, die Menschen standen regungslos, als wären sie Teil eines Fotos, das jemand von ihnen gemacht hatte. Selbst das Wasser der Brunnen und Wasserfälle war erstarrt.
Doch das hier war kein Foto. Simon konnte sich bewegen, er konnte aufstehen, sich zwischen den Soldaten hindurchschlängeln und fortgehen, als Einziger auf dem ganzen Platz. Fassungslos drehte er sich zu den Soldaten um. Sie sahen aus wie Statuen eines gigantischen Standbildes.

Da bemerkte er etwas Seltsames: Die silbergrauen Uniformen der Soldaten waren rissig, und die Fäden schillerten. Neugierig betrachtete er die Uniform von einem der Männer genauer. Die Fäden waren nicht gewebt, sondern miteinander verklebt, von winzigen Spinnen, die in den Ritzen und Falten des Stoffes saßen. Erstaunt starrte Simon auf das Spinnengewebe, in das der Soldat eingekleidet war.
Langsam wich er zurück. Das, was hier geschah, konnte auf keinen Fall wirklich sein! Er würde gleich aufwachen und in seinem Bett liegen. Oder er würde davonfliegen und in einen anderen Traum eintauchen, und morgen früh wäre alles vorbei.

Doch er flog nicht davon. Und er würde auch nicht in seinem Bett aufwachen. Das hier war die Wirklichkeit.
Panik stieg in ihm auf. Er musste weg hier! Simon begann zu rennen, weg von den Spinnen, weg von den Soldaten, weg von dem goldenen Hochhausturm. Dann fiel ihm Ira ein. Sie war immer noch dort, alleine zwischen den heranstürmenden Soldaten, regungslos wie sie. Er lief zurück zu ihr und versuchte, sie mit sich zu ziehen, doch es war vergeblich, er hätte genauso gut versuchen können, einen Felsbrocken zu bewegen. Hilflos ließ er die Arme sinken.

Da bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Er fuhr herum. Nichts rührte sich. Angestrengt spähte Simon durch die erstarrten Soldaten hindurch. Und dann sah er es: Ein Raubtier schlängelte sich zwischen den Beinen der Männer durch, es war ein Leopard, er sprang auf Simon zu.
Die Augen des Tiers leuchteten.

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