Verlagsgruppe Oetinger

Fortsetzung Leseprobe "Der Torwächter - Die verlorene Stadt"

Der Hüne zerrte ihn mit sich, mit festem Griff. Simon rang seine Furcht nieder und konzentrierte sich. Solange sein Bewacher ihn berührte, musste er die Gelegenheit nutzen und herausbekommen, was die Dorfbewohner vorhatten. Es war leichter als erwartet, der Hüne wehrte sich nicht. Vermutlich merkte er noch nicht einmal, dass Simon in seine Gefühle eindrang.
Ashakida hatte recht gehabt. Der Mann, so groß und kräftig er war, hatte Angst vor ihm. Doch Simon spürte noch etwas: Wut, weil er fast schon wieder übertölpelt worden war, und eine wilde Entschlossenheit, seinen Auftrag zu erfüllen. Wohin der Hüne ihn bringen wollte, das sah Simon nicht.
Sie gingen die Hauptstraße hinunter, dann bogen sie in einen schmalen Weg ein, der hinab zum Hafen führte. Das Meer glitzerte zu ihnen herauf. Simon konnte die beiden verfallenen Molen sehen, die das Hafenbecken vor den Winterstürmen schützten.

Der Wind, der über das Wasser strich, hatte in der Nacht gedreht, er roch nun faulig, vermischt mit einem bitter schmeckenden Dunst. Er kam aus dem Zentrum der Stadt auf der anderen Seite der Bucht. Düster und schwelend erhob sich Drhans Reich in den Morgen, ein stinkendes Geschwür, das sich in die Küste gefressen hatte. Wie ein schwarzer Obelisk ragte der Tower inmitten der Hochhaustürme in den Himmel. Selbst im blassen Licht der Morgensonne sah die Stadt unheimlich aus. Die Mauer, die die Stadt umgab, glänzte, so als sei sie aus Metall und nicht aus Stein oder Beton. Simon musste an die Befestigungsmauer einer mittelalterlichen Siedlung denken. Oder sah er die Mauer eines Gefängnisses?

Der Hüne gönnte der Stadt keinen Blick. Schweigend führte er ihn die Straße hinunter. Bald hatten sie den Hafen erreicht. Ein paar Fischer waren auf dem Kai unterwegs, sie trugen Netze und leere Kisten zu ihren Booten, wenig Vertrauen erweckende Kähne, die in der Dünung dümpelten. Misstrauisch sahen die Männer zu ihnen herüber. Eine verhärmt aussehende Frau zog einen Handwagen mit frisch gebackenen Brotlaiben über das Pflaster. Sie warf Simon einen feindseligen Blick zu.

Jetzt erkannte Simon, wohin ihn der Hüne brachte. Direkt vor dem Eingang der verfallenen Markthalle stand ein uralter Geländewagen, seine Blechhaut war zerdellt und voller Rost. Ein bärtiger Arbeiter war dabei, den Tank des Fahrzeugs aus einem Benzinkanister zu befüllen.
Luc hatte recht gehabt. Sie wollten ihn fortbringen!
»Los, weiter!«
Der Hüne versetzte Simon einen Stoß in den Rücken und trieb ihn auf den Wagen zu. Simon erinnerte das Gefährt an den Geländewagen, den sein Großvater gehabt hatte. Allerdings befand sich bei diesem Auto statt einer Rückbank ein großer geschlossener Kasten hinter dem Fahrerhaus. Die Blechbox hatte keine Fenster, nur eine vergitterte Öffnung in der Seitenwand und eine Tür auf der Rückseite. Die beiden Türflügel standen weit offen. Simon sah eine schäbige Decke auf dem Boden der Ladefläche liegen.
»Steig ein.«
Simon schüttelte den Kopf. Um nichts in der Welt würde er in diese Box klettern. Der Hüne grunzte ungehalten und zerrte ihn zum Wagen, um ihn in den Kasten zu stoßen. Die Decke dämpfte Simons Aufprall.
Hastig rappelte Simon sich wieder auf. »Nein! Nicht die Tür zumachen!«
Es war, als hätte er nichts gesagt: Der Hüne schloss den ersten der beiden Türflügel, dann packte er den zweiten Griff, um die Tür zuzuschlagen.
Wo war Ashakida?
Da hörte Simon einen Ruf: »Warte!« Er kannte die Stimme. Ira lief den Kai entlang, gemeinsam mit der Anführerin der Dorfbewohner, offenbar hatte Ira sie alarmiert. »Stopp! Nicht wegfahren!«
Der Hüne reagierte nicht. Krachend fiel die Tür ins Schloss.

Simon brauchte einen Moment, bis sich seine Augen an das Halbdunkel im Inneren des Wagens gewöhnt hatten. Von draußen war immer noch Iras Stimme zu hören, und die des Hünen, der knapp antwortete. Dann mischte sich eine dritte Stimme ein. Sekunden später knirschte das Schloss und einer der Türflügel schwang auf.

Die Anführerin der Dorfbewohner stand vor dem Wagen. Sie trug dieselbe Kleidung wie am Abend zuvor, nur ihre schwarzen Haare waren noch zerzaust von der Nacht, offenbar hatte Ira sie aus dem Bett geholt.
Mit gerunzelter Stirn sah die Schwarzhaarige erst Simon und dann den Hünen an. »Wer hat dir gesagt, dass du ihn wegbringen sollst?«

Eine gebeugte Gestalt betrat den Platz, es war der Alte vom Vorabend. Sein schneeweißes Haar leuchtete in der Sonne. Herausfordernd blickte er die Anführerin der Dorfbewohner an. »Ich«, sagte er knapp. Bevor jemand etwas erwidern konnte, wandte er sich dem Hünen zu. »Schaff das Mädchen weg.«
Der Hüne nickte und schloss erneut die Tür von Simons Gefängnis. Dann griff er nach Iras Arm, um sie wegzuführen. Ira wehrte sich, doch gegen den Griff des Mannes hatte sie keine Chance.

Der Alte wartete, bis Ira außer Hörweite war, dann wandte er sich wieder der Frau zu. Seine Stimme klang kalt und sein Blick war fest. »Du weißt, wo wir ihn hinbringen werden.«
»Das darfst du nicht!«
»Tatsächlich?«
»Das habe ich nicht erlaubt. Ich bin die gewählte Anführerin.«
»Und ich bin der Älteste hier im Dorf.« Der Alte kam näher. Ein harter Zug lag um seinen Mund. »Du weißt, warum wir es tun müssen, Sophia. Du kennst den Auftrag, den wir von Drhan bekommen haben.«
Die Schwarzhaarige zögerte. »Er muss es ja nicht erfahren.«
»Ist das dein Ernst? Drhan erfährt alles! Es ist nur eine Frage der Zeit. Außerdem gehen unsere Vorräte zur Neige.«
»Aber er ist so jung, Victor! Fast noch ein Kind!«
»Und genau deshalb bringst du uns in Gefahr. Weil du Mitleid hast.« Der Alte spuckte verächtlich aus. »Es geht hier nicht um dich, Sophia, sondern um uns alle! Du kennst Drhans Macht! Wenn wir uns gegen ihn stellen, wird er uns vernichten.«

Simon hatte dem Gespräch gebannt zugehört. Die Worte des Alten hatten bestätigt, was er schon befürchtet hatte: Sie wollten ihn in das Stadtzentrum bringen, um ihn Drhan auszuliefern! Er musste fliehen!
Fieberhaft sah sich Simon um. Die Ladebox war aus mehreren Blechen zusammengeschweißt und schien stabil zu sein. Bis auf die beiden Hecktüren und das vergitterte Fenster gab es keine Öffnung – solange die Tür fest verschlossen war, hatte er keine Chance, aus dem Wagen zu entkommen. Was sollte er nur tun?

Der Dorfälteste hatte derweil den Streit für sich entschieden. Der Blick der schwarzhaarigen Frau war traurig und voller Mitleid, als sie die Tür der Box noch einmal öffnete und Simon ansah. Sie seufzte. »Es tut mir leid, mein Junge. Leb wohl.« Dann nickte sie dem Hünen zu, der inzwischen zurückgekommen war.
Ohne die Miene zu verziehen, drehte sich der Mann zu Simon um. »Finger weg, sonst sind sie ab.«

Simon wich zurück. Irgendetwas musste er tun! Der Hüne versetzte dem Türflügel einen Stoß. Da ertasteten Simons Finger die Decke, die auf dem Boden lag. Ohne nachzudenken, packte er den Stofffetzen und schob ihn in den Türspalt, kurz bevor die Tür krachend zufiel. Mit einem schabenden Geräusch verhakte sich die Decke im Schloss und klemmte zwischen den Türflügeln fest.
Simon hielt die Luft an. Hatte jemand etwas gemerkt? Doch die Stimmen draußen vor dem Wagen blieben ruhig, niemand entriegelte die Tür, um die eingeklemmte Decke zu entfernen. Dann hörte er Schritte, die Fahrertür öffnete und schloss sich wieder, offenbar war der Hüne eingestiegen.

Der Motor erwachte zum Leben, die Karosserie des Geländefahrzeugs schüttelte sich, die Ladebox vibrierte dröhnend. Simon spürte, wie sie anfuhren. Er hatte Mühe, sich festzuhalten, der Wagen schlingerte heftig, während sie durch die kurvenreichen Gassen des Dorfes fuhren. Schließlich wurde die Fahrt ruhiger. Sie hatten das Dorf verlassen, die Räder rollten über eine glatt asphaltierte Straße.

Im Halbdunkel seines Gefängnisses tastete sich Simon zur Tür. Er rüttelte an ihr, er drückte und er zog, doch es gelang ihm nicht, sie zu öffnen, trotz der im Schloss eingeklemmten Decke.
Der Motor wurde lauter, der Wagen beschleunigte. Durch das vergitterte Fenster sah Simon, wie sie sich in rasender Fahrt der Stadt näherten. Er war verzweifelt. Was sollte er nur tun?

Da entdeckte er etwas, das sein Herz klopfen ließ, er hätte es im Dämmerlicht fast nicht bemerkt. Jemand hatte etwas an der Innenwand der Transportbox in das Blech geritzt, ein Zeichen. Es war das Bild eines blühenden Rosenbusches. Zwar war es hastig und mit groben Strichen in das Blech gekerbt, doch Simon erkannte das Symbol, das die Tore zwischen den Welten markierte. Aufgeregt strich er über die Gravur. Kurz vermutete er, ein Weltentor entdeckt zu haben, aber es gab nirgendwo einen jener Dorne aus Metall, die die Tore kennzeichneten und mit denen sich die Übergänge zwischen den Welten öffnen ließen.

Warum war der Rosenbusch hier in die Wand geritzt? Wer immer das Bild hier hinterlassen hatte, wusste von den Weltentoren.
Plötzlich stutzte Simon. Direkt neben dem Bild gab es weitere Kerben im Blech, er spürte sie unter den Kuppen seiner Finger. Kleine Brocken aus Staub und Schmutz rieselten herab, als er mit dem Daumennagel die Vertiefungen entlangfuhr. Die Kerben waren mit Dreck aufgefüllt, so als sollten sie getarnt werden. Eilig kratzte Simon den Schmutz aus den Ritzen. Ein Buchstabe tauchte auf, dann ein zweiter, ein dritter. Als das erste Wort an der Wand zu lesen war, ließ Simon die Hand sinken. Er starrte auf die Inschrift. So wie das Bild des Rosenbusches waren die Buchstaben hastig in das Metall geritzt worden und deshalb sehr kantig, doch Simon konnte das Wort, das sie bildeten, gut erkennen: Es war sein Name.

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